„Wir brauchen ein neues Wir-Gefühl“

Zur Halbjahresbilanz der Bundesregierung in Sachen Nachhaltigkeit – auch vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine – sprachen wir mit Dr. Werner Schnappauf, Bundesminister a. D. und Vorsitzender des Rats für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung.

Seit einem halben Jahr ist die neue Bundesregierung im Amt. Lassen sich mit den Vorhaben im Koalitionsvertrag und im „Osterpaket“ des Bundeswirtschaftsministers die wesentlichen Nachhaltigkeitsziele erreichen? 

Der Koalitionsvertrag bietet insgesamt eine gute Grundlage, um wesentliche Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Der Koalitionsvertrag greift Nachhaltigkeit schon im Titel als Ziel des Regierungshandelns auf, das begrüßen wir natürlich. In einzelnen Bereichen wie in der Landwirtschafts- und Ernährungspolitik ist zwar noch mehr Ehrgeiz nötig, aber insgesamt handelt es sich um ein gutes Drehbuch mit konkreten Schritten für die nötige Transformation hin zu Klimaneutralität und einer nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsweise. Was jetzt notwendig ist, ist das Tun, ist der Aufbruch in ein „Jahrzehnt des Handelns und der Umsetzung“. Besonders wichtig ist dem Rat dabei auch, dass die Perspektive der jungen Generation im Zentrum der Zukunftsdebatten steht. Das Osterpaket ist ein erster Umsetzungsschritt, weitere müssen folgen. 

Wie, schätzen Sie, wird sich der Krieg in der Ukraine auf das Erreichen der Ziele auswirken? 
@ Vivianne Wild | Rat für Nachhaltige Entwicklung
@Vivianne Wild | Rat für Nachhaltige Entwicklung

Mit dem russischen Angriffskrieg rücken Klimaschutz und Energiewende auch ins Zentrum der Sicherheitspolitik. Der Krieg gefährdet weltweit die Erreichung der globalen Nachhaltigkeitsziele, der SDGs, insbesondere jener Ziele zur Ernährungssicherung, zur Armutsbekämpfung und zur Energieversorgung. Die zentrale Antwort auf die Folgen des Krieges muss sein, den Turbo anzuwerfen und die ohnehin schon ehrgeizigen Umsetzungspläne nochmals zu beschleunigen. Dieser Umbau muss so schnell wie irgend möglich geschehen, schneller und umfassender, als wir es uns vor dem 24. Februar ausgemalt haben.

Angesichts knapper werdender Kassen und neuer Staatsverschuldung: Welche Empfehlung(en) haben Sie an die Bundesregierung, wie sie Ziele vielleicht priorisieren kann? 

Die SDGs und die Ziele der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie sind alle wichtig und intensiv miteinander verwoben. Dennoch müssen wir gerade in der aktuellen Ausnahmesituation den Mut haben, die ganz wesentlichen — gegenüber anderen wichtigen – Fragen in den Vordergrund zu rücken. Dazu zählt aus Sicht des Nachhaltigkeitsrats erstens insbesondere das Thema Klimaneutralität. Im letzten Jahr hat der Nachhaltigkeitsrat zusammen mit der Leopoldina praktische Wege zur Klimaneutralität aufgezeigt. Die Klimakrise abzuwenden, ist ganz sicher die große Aufgabe unserer Zeit. Aber zweitens kommt auch dem Schutz der Biodiversität, dieser Zwillingskrise, hohe Bedeutung zu. Drittens ragt für mich aktuell das Thema globale Gesundheitsvorsorge heraus. Insgesamt müssen wir verstärkt über den nationalen Tellerrand hinausdenken und das Thema soziale Verantwortung nicht nur national, sondern viel stärker auch global betrachten. Um solche Priorisierungen erfolgreich umzusetzen und alle dabei mitzunehmen, brauchen wir ein neues Wir-Gefühl, ein neues Miteinander in unserer Gesellschaft.


Bild: Christian Lue | Unsplash

akzente Politikmonitor: Starke Ziele, harte Landung

Mit dem Politikmonitor Nachhaltigkeit berichten wir seit 2015 regelmäßig zu Themen, Veranstaltungen und regulatorischen Entwicklungen aus Brüssel und Berlin. Denn politische Diskussionen und Rahmenbedingungen bestimmen immer stärker, wie eine nachhaltige Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft ausgestaltet wird. Mit unserem Politikmonitor wollen wir Einblicke geben, Überblick schaffen und Ausblicke versuchen.

„Wir wollen Potentiale heben“

Über die Pläne der neuen Bundesregierung zur Digitalisierung und wie sie einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten kann, sprachen wir mit Dr. Franziska Brantner, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK).

Deutschland zählt bei der Digitalisierung im Vergleich der Industrieländer eher zu den Nachzüglern. Wie wollen Sie den Rückstand aufholen?

Als Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz wollen wir uns auf zentrale Handlungsfelder konzentrieren: digitale Transformation der Wirtschaft, Daten und Datenökonomie, digitale Souveränität und natürlich Nachhaltigkeit. Wir wollen die Chancen der Digitalisierung nutzen und Deutschland insbesondere zum führenden Start-up-Standort in Europa machen. Wir werden die Grundlagen für einen einfachen und massenhaften Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in Deutschland legen. Hier spielt GAIA-X eine wichtige Rolle. Daneben liegt mir das Thema „Nachhaltigkeit“ besonders am Herzen. Hier wollen wir die Potenziale der Digitalisierung für den Ressourcenschutz stärker nutzen. Drei konkrete Beispiele, wo wir bereits aktiv sind: Mit der Initiative Stadt.Land.Digital unterstützen wir Kommunen vor Ort bei der Entwicklung zu einer Smart City. Mit dem Digitalen Produktpass engagieren wir uns für die Stärkung der Kreislaufwirtschaft. Und wir haben ein Projekt für energieeffiziente Software ins Leben gerufen, das u.a. die Open-Source-Community und energieeffiziente KI einbindet.

Wo sehen Sie die größten Chancen der Digitalisierung, einen positiven Beitrag zur Nachhaltigkeit in Deutschland zu leisten?
@ Susanne Eriksson

Eine aktuelle Studie zu Klimaeffekten der Digitalisierung kommt zu dem Ergebnis, dass wir mit digitalen Technologien zwischen 103 und 152 Megatonnen CO2 bis 2030 einsparen können. Voraussetzung dafür ist, dass wir digitale Technologien erfolgreich einsetzen —und sie selbst klimaschonend betreiben. Deshalb haben wir uns im Koalitionsvertrag vorgenommen, die Energieeffizienz von Rechenzentren zu steigern. Beispielsweise kann die Abwärme der Rechenzentren direkt genutzt werden, statt sie kostspielig abzukühlen. Ein zweiter Weg sind effizientere Rechenzentren, deswegen arbeiten wir an einer europäischen Cloud-Edge-Infrastruktur — das heißt, dass die Daten zentral gespeichert werden, z.B. in Rechenzentren, und trotzdem eine dezentrale Datenverarbeitung bei den Nutzer:innen stattfinden kann. Mit dem gemeinsamen europäischen Projekt IPCEI Next Generation Cloud Infrastructure and Services und GAIA-X schaffen wir dafür die materiellen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Das Ziel ist die gemeinsame Nutzung von Daten im großen Stil, damit industrielle Anwender das volle Potenzial der Digitalisierung nutzen können und gleichzeitig Ressourcen effizienter eingesetzt werden.

Mehr Digitalisierung bietet das Potenzial für zukunftsorientierte Arbeitsplätze. Gleichzeitig kosten Konzepte wie „Industrie 4.0“ auch Arbeitsplätze in der Industrie. Wie kann Digitalisierung zu einem wirtschaftlichen Gewinn für alle werden?

Der zunehmende Fachkräftemangel ist eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit. Die Digitalisierung bietet viele Chancen, unbesetzte Stellen teilweise durch digitale Technologien zu ersetzen. Zudem steigern digitale Technologien unsere Produktivität, wodurch wir Ressourcen für andere Aufgaben gewinnen. Genauso wichtig ist der folgende Aspekt: Die Digitalisierung eröffnet ganz neue Geschäftsmodelle, von denen wir alle profitieren werden. Wir erarbeiten aktuell eine Start-up-Strategie der Bundesregierung. Die Voraussetzungen für Start-ups zu verbessern, heißt dabei auch, das Entstehen von zukunftsgerichteten Arbeitsplätzen in Deutschland zu unterstützen. Zudem unterstützen wir mit Fördermaßnahmen wie „Digital Jetzt“ und „go-digital“ schon heute kleine Unternehmen bei der digitalen Transformation. Wir verstehen die Digitalisierung als große Qualifizierungschance und fördern die Fort- und Weiterbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wichtig ist dabei auch die Fachkräftestrategie, die wir, wie im Koalitionsvertrag vereinbart, unter Federführung des BMAS weiterentwickeln werden.

Digitalisierung impliziert Energieverbrauch. Müssen wir in den sauren Apfel beißen, dass Digitalisierung auf jeden Fall zu immer mehr Strombedarf führt?

Zum einen dürfen wir nicht nur auf den unmittelbaren Stromverbrauch durch Digitalisierung schauen, sondern müssen auch sehen, dass Digitalisierung oft die Effizienz im System steigert und damit zu Einsparungen führt. Zum anderen haben wir uns vorgenommen, 80  Prozent unseres Stromverbrauchs bis 2030 aus erneuerbaren Energien zu erzeugen. Dazu werden wir den Ausbau der erneuerbaren Energien deutlich beschleunigen. Die entsprechende Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes soll noch vor der Sommerpause vom Deutschen Bundestag beschlossen werden. Außerdem zeigen Studien, dass die Energieverbräuche digitaler Technologien in den Haushalten zwischen 2008 und 2018 sogar gesunken sind – trotz immer mehr internetfähiger Geräte. Auch bei den Rechenzentren sehen wir noch viel Potenzial für mehr Energieeffizienz. Dabei sind größere Rechenzentren effizienter als kleinere. Wir werden uns daher aktiv dafür einsetzen, dass die Industrie mehr cloudbasierte Lösungen nutzt. Dann muss nicht jedes Unternehmen eigene Rechenkapazitäten vorhalten. Ein Beispiel ist der Datenraum Industrie 4.0, den wir gerade entwickeln. Und mit dem Projekt Catena-X haben wir bereits ein Leuchtturmprojekt für die datenbasierte Zusammenarbeit über die gesamte Wertschöpfungskette in der Automobilwirtschaft umgesetzt.

Können Sie skizzieren, welche Schwerpunkte die Digitalisierungsstrategie der Bundesregierung haben wird? Wie wollen Sie sich von der Vorgängerregierung unterscheiden?

Ich will mich auf das konzentrieren, was wir als BMWK vorhaben: Wir sehen die Digitalisierung als treibende Kraft gegen den Klimawandel. Der sinnvolle Einsatz digitaler Technologien kann fast die Hälfte der notwendigen CO2-Einsparungen beisteuern, die wir zur Erreichung des Klimaziels benötigen. Entscheidende Sektoren sind hierbei die industrielle Fertigung, Energie, Mobilität und Gebäude. Diese Potenziale wollen wir heben. Dafür nutzen wir einen breiten Instrumentenkasten, bei dem ein Projekt in das andere greift: Mit den Mittelstand-Digital-Zentren und der Förderung von regionalen Transformationsnetzwerken und Innovationsclustern unterstützen wir die zielgerichtete digitale Transformation der Wirtschaft und Industrie. Als Rückgrat brauchen wir ein stabiles Stromnetz, daher planen wir die Modernisierung und Digitalisierung der Verteilnetze. Und mit dem Technologieprogramm IKT für Elektromobilität erproben und entwickeln wir wirtschaftliche Anwendungen von Elektromobilität in Energie-, Logistik- und Liegenschaftsinfrastrukturen. Damit werden wir einen entscheidenden Beitrag zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes und der Erreichung der Klimaziele leisten.


Bild: Sajad Nori | Unsplash

akzente Politikmonitor: Digitalisierung — Himmel oder Hölle?

Mit dem Politikmonitor Nachhaltigkeit berichten wir seit 2015 regelmäßig zu Themen, Veranstaltungen und regulatorischen Entwicklungen aus Brüssel und Berlin. Denn politische Diskussionen und Rahmenbedingungen bestimmen immer stärker, wie eine nachhaltige Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft ausgestaltet wird. Mit unserem Politikmonitor wollen wir Einblicke geben, Überblick schaffen und Ausblicke versuchen.

EU-Richtlinienvorschlag zur unternehmerischen Sorgfalt – Revolution oder Evolution?

  • Um was geht es? Am 23. Februar 2022 hat die Europäische Kommission den lange erwarteten Vorschlag für eine Richtlinie über die Sorgfaltspflicht von Unternehmen („Directive on corporate sustainability due diligence“, im Weiteren „Richtlinienvorschlag“) veröffentlicht.
  • Ziel des Richtlinienvorschlags der EU? Europäische Unternehmen dazu zu verpflichten, Menschenrechte und Umweltstandards im eigenen Geschäftsbereich und entlang ihrer Lieferkette zu achten.  
  • Wichtige Unterschiede zum deutschen Pendant? Ein erweiterter Anwendungsbereich, der tiefere Blick in die Lieferkette, die verstärkte Einbeziehung von Umweltaspekten, die darin angedachte zivilrechtliche Haftung und umfassendere Pflichten der Geschäftsleitung.
Langes Ringen um den Richtlinienvorschlag  

Der Entwurf der Kommission hat einen langen Weg hinter sich. Beginnend mit einer Resolution im März 2021 hatte das EU-Parlament die EU-Kommission mit großer Mehrheit dazu aufgefordert, einen Legislativvorschlag zu machen – zur verbindlichen unternehmerischen Sorgfaltspflicht in der Wertschöpfungskette. Der kam auch, wurde aber zwei Mal abgelehnt. Der kommissionsinterne Ausschuss für Regulierungskontrolle, das sogenannte Regulatory Scrutiny Board, bemängelte die Folgenabschätzung der zuständigen Kommissionsdienststellen als zu vage, die Handlungsoptionen seien zu limitiert, der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit werde nicht gewahrt. Aktivist:innen und NGOs befürchteten eine „Verwässerung“ der ursprünglichen Resolution des Parlaments zugunsten der Wirtschaft. Die und ihre nahen Verbände hingegen warnten, nicht Unmögliches zu fordern. So wurde dem bis dahin verantwortlichen EU-Justizkommissar Didier Reynders, der Binnenmarktkommissar Thierry Breton an die Seite gestellt, um die Praktikabilität der Vorschläge zu evaluieren. Das sorgte für Furore – immerhin gilt Breton als wirtschaftsfreundlich. Am 23. Februar 2022 war es nun aber so weit: Der erste Entwurf für eine Richtlinie („Directive on corporate sustainability due diligence“) wurde vorgestellt. Und er geht weiter als das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz.

EU-Richtlinienvorschlag vs. Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz 

Mit ihrem Richtlinienvorschlag will die EU-Kommission einen Flickenteppich verschiedener Regeln in ihren Mitgliedstaaten verhindern – ein Flicken wie etwa das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG), das im Juli 2021 verabschiedet wurde und am 1. Januar 2023 in Kraft tritt. Auch das deutsche Gesetz will Menschrechts- und Umweltstandards in unternehmerischen Geschäftspraktiken etablieren. Doch monierte beispielsweise EU-Justizkommissar Didier Reynders am LkSG, dass es den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte an vielen Stellen nicht in ausreichendem Maße gerecht werden würde. So überrascht es wenig, dass der Richtlinienvorschlag der EU über die Anforderungen des LkSGs hinausgeht.  

Die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum LkSG:

1. Weitaus mehr Unternehmen betroffen 

Die Zahl der im Richtlinienvorschlag betroffenen Unternehmen ist im Vergleich zu der vom Europäischen Parlament 2021 diskutierten Resolution erheblich reduziert – verglichen mit dem LkSG (rund 5.700 Unternehmen) ist sie dennoch deutlich ausgeweitet. Laut Kommission betrifft der Richtlinienvorschlag etwa 13.000 Unternehmen in der EU und 4.000 Unternehmen aus Drittländern.

  • Die EU-Richtlinie soll für europäische Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten und einem Umsatz von 150 Mio. Euro gelten.
  • Nicht-EU-Unternehmen sind betroffen, wenn sie einen Umsatz von mehr als 150 Mio. Euro auf dem EU-Markt erzielen.
  • Zwei Jahre nach Einführung des Gesetzes sollen EU-Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten und einem Nettoumsatz von über 40 Mio. Euro betroffen sein – wenn sie mindestens 50 Prozent dieses Umsatzes in einem als risikoreich definierten Sektor erwirtschaften – also etwa in der Landwirtschaft, Textilindustrie oder im Mineraliensektor.
  • Nicht-EU-Unternehmen, die mehr als 40 Mio. Euro Umsatz auf dem EU-Markt erzielen sowie mindestens 50 Prozent ihres weltweiten Umsatzes in einem der als risikoreich definierten Sektoren erwirtschaften, sind auch zwei Jahre nach Gesetzeseinführung betroffen.
  • Kleine und mittlere Unternehmen fallen nicht direkt in den Anwendungsbereich der vorgeschlagenen Richtlinie, können aber kaskadierend betroffen sein.

Das LkSG hingegen gilt ab 2023 für Unternehmen, die mindestens 3.000 Mitarbeitende und ihren Sitz in Deutschland haben und ab 2024 für Unternehmen mit mindestens 1.000 Beschäftigten.

2. Erweiterter Blick auf indirekte Zulieferer  

Die Kommission will die europäischen Unternehmen dazu verpflichten, ihre gesamte Lieferkette daraufhin zu kontrollieren, ob ihre Zulieferer gegen Umwelt- und Menschenrechte verstoßen.  

  • Die Sorgfaltspflichten der Unternehmen erstrecken sich grundsätzlich auf alle „etablierten“ direkten und indirekten Geschäftsbeziehungen des Unternehmens.  
  • Ob es sich um eine „etablierte“ Beziehung handelt, bestimmt Intensität oder Dauer. Die Art der Geschäftsbeziehungen, die als „etabliert“ eingestuft werden, ist mindestens jährlich neu zu bewerten. 

Im LkSG umfassen die Sorgfaltspflichten ebenfalls das Handeln im eigenen Geschäftsbereich sowie gegenüber direkten und indirekten Zulieferern. Die Anforderungen an die Unternehmen sind jedoch abgestuft, insbesondere nach dem Einflussvermögen auf den Verursacher der Menschenrechtsverletzung sowie nach den unterschiedlichen Stufen in der Lieferkette. Das bedeutet etwa, dass die Sorgfaltspflichten bei indirekten Zulieferern nur anlassbezogen gelten – und nur, wenn das Unternehmen Kenntnis von einem möglichen Verstoß erlangt.

3. Umweltaspekte verstärkt einbezogen 

Im Richtlinienvorschlag werden nachteilige Umweltauswirkungen, die im Widerspruch zu wichtigen internationalen Umweltkonventionen sowie gegen ausdrücklich definierte Standards stehen, verstärkt einbezogen.  

  • Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten und einem Umsatz von 150 Millionen Euro müssen einen Plan verabschieden, der darlegt, ob Klimarisiken vorhanden sind und sicherstellt, dass Geschäftsmodell und Strategie mit der Begrenzung der globalen Erwärmung auf das im Pariser Abkommen festgelegte 1,5 °C-Ziel vereinbar sind.  
  • In den Fällen, in denen der Klimawandel als Risiko eingestuft wird, sollen Emissionsreduktionsziele in die Pläne aufgenommen werden.  

Im LkSG hingegen sind Umweltbelange nur relevant, wenn sie zu negativen Auswirkungen auf Menschenrechte führen.

4. Ähnlicher Sorgfaltspflichtenprozess 

Die vorgeschlagene Richtlinie stellt Anforderungen an die menschenrechtliche und ökologische Sorgfaltspflicht, die dem deutschen LkSG sehr ähnlich sind. 

  • Gemeinsame Bausteine sind die Grundsatzerklärung, die Risikoanalyse, Präventions- und Abhilfemaßnahmen sowie Dokumentationspflichten.  
  • Das Monitoring der Wirksamkeit der eigenen Tätigkeiten und Maßnahmen (Artikel 10) ist im EU-Richtlinienvorschlag expliziter hervorgehoben.  
  • Das LkSG ist ausführlicher im geforderten Risikomanagement.  
  • Es handelt sich bei beiden Vorschriften nicht um einen einmaligen Prozess, sondern um einen sich wiederholenden Kreislauf verschiedener Verfahrensschritte, die aufeinander aufbauen und sich aufeinander beziehen.  

5. Stärkere Verantwortung der Geschäftsleitung 

Der Richtlinienvorschlag enthält, wenn auch im Vergleich zur ursprünglichen Resolution des Parlaments abgeschwächt, Geschäftsleitungspflichten der betroffenen Unternehmen.  

  • Es gilt im besten Interesse des Unternehmens zu handeln – und bei Entscheidungen Nachhaltigkeitskriterien zu berücksichtigen.  
  • Die ursprünglich angedachte Stärkung der Nachhaltigkeitskompetenz im Vorstand ist im Richtlinienvorschlag nicht mehr vorgesehen.  
  • Dennoch fordert die Kommission Unternehmensleiter:innen mit ihrem Richtlinienvorschlag dazu auf, Sorgfaltspflichten für Menschenrechte, den Klimawandel und andere Umweltauswirkungen einzubeziehen. 

Der Richtlinienvorschlag der EU könnte es also im Gegensatz zum deutschen Gesetz schaffen, Nachhaltigkeit in der Unternehmensstrategie zu stärken.

6. Jetzt auch mit zivilrechtlicher Haftung

Obwohl der Vorschlag hinter der Resolution des EU-Parlaments aus dem März vergangenen Jahres zurückbleibt, ist die Haftung deutlich umfassender als im deutschen LkSG:

  • Von den Mitgliedstaaten benannte nationalen Aufsichtsbehörden sollen über Ermittlungsbefugnisse und eine potenzielle zivilrechtliche Haftung verfügen – und wären befugt, die Einhaltung der vorgeschlagenen Richtlinie auf eigene Initiative oder wegen begründeter Bedenken zu prüfen. Im Falle eines Verstoßes gegen die – zur Umsetzung der Richtlinie erlassenen – nationalen Vorschriften, müssten sie dem betreffenden Unternehmen eine Frist zur Ergreifung von Abhilfemaßnahmen einräumen. Bei Nichteinhaltung können sie auf dem Umsatz beruhende Geldbußen verhängen. Die behördlichen Sanktionen sollen wirksam, verhältnismäßig und abschreckend sein und die Bemühungen des Unternehmens um Einhaltung der Vorschriften berücksichtigen. 
  • Neben den nationalen erlassenen Vorschriften sieht der Richtlinienvorschlag keine zusätzliche Durchsetzungsregelung für den Fall vor, dass die Geschäftsführer:innen ihren Verpflichtungen aus dem Entwurf nicht nachkommen. 
  • Der Richtlinienvorschlag sieht eine zivilrechtliche Haftungsregelung vor, die es Opfern ermöglicht, Unternehmen wegen Menschenrechtsverletzungen oder Umweltschäden auf Schadenersatz zu verklagen – für Schäden, die durch angemessene Sorgfaltsmaßnahmen hätten vermieden werden können. So sollen potenzielle schädliche Auswirkungen verhindert oder tatsächliche schädliche Auswirkungen beendet werden. 
  • Die Beweislast bleibt jedoch bei den Rechteinhaber:innen bzw. überlässt eine Beweislastregelung den Mitgliedsstaaten.  

Beim LkSG besteht ausdrücklich keine zivilrechtliche Haftung – einer der großen Kritikpunkte. Das deutsche Gesetz sieht Bußgelder von bis zu zwei Prozent des Vorjahresumsatzes vor. Ebenso kann es zu einem Ausschluss bei öffentlichen Ausschreibungen von bis zu drei Jahren kommen.  

Was lange währt, wird endlich gut?  

Sollten die EU-Staaten und das Europaparlament dem Richtlinienvorschlag zustimmen, wäre Deutschland verpflichtet, das nationale Recht an EU-Recht anzupassen – und müsste damit nachbessern.  

Der Entwurf wird nun in mehreren Lesungen von Parlament und Rat diskutiert und überarbeitet. Nach Verabschiedung haben die Länder zwei Jahre Zeit, um die Regelung in nationales Gesetz zu überführen. Kleinere Unternehmen, die in Hochrisikosektoren tätig sind, hätten eine weitere zweijährige Übergangsfrist. 

Fazit: Bei dem Richtlinienvorschlag handelt es sich eher um eine Evolution als um die im März 2021 angedachte Revolution der Resolution.


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Nachhaltige Events im März 2022

Divers, zirkulär, praxisorientiert – diesen März wird die ganze Bandbreite der Nachhaltigkeitsdiskussionen bespielt. Ob Gender Equality, CSR-Reporting, Kreislaufwirtschaft oder Klimaschutz – die zahlreichen Webinare diesen Monat zielen auf eine praktische Umsetzung im Unternehmenskontext. Wir haben eine Auswahl von Events für Sie zusammengestellt: 

UN Global Compact | Diversity Barcamp: Chancen und Lösungsansätze für Unternehmen | 03.03.2022 

Diversity Management – von der strategischen Betrachtung zur praktischen Umsetzung: Diversität und Chancengleichheit sind für jedes verantwortungsvolle Unternehmen ein Muss. Die Veranstaltung bietet, neben zwei interessanten Keynotes, Einblicke in die Umsetzungspraxis und Erfahrungen von Diversity-Verantwortlichen aus verschiedenen Unternehmen. Zudem ermöglichen interaktive Sessions den Informationsaustausch und Feedback zu relevanten Themen.  

Bei Interesse finden Sie hier weitere Informationen sowie die Möglichkeit zur Anmeldung.


The Economist | Sustainability Week | 21.03. – 24.03.2022 

Die letzten November in Glasgow veranstaltete COP26 klingt noch nach – und die 7. Sustainability Week schließt an mit der Frage: „Wie können Unternehmen den ambitionierten Klimazielen und zugehörigen Rahmenwerken gerecht werden?“ Die Transition zu klimaneutralen Lebens- und Wirtschaftsweisen ist beschlossen, doch der Umsetzungspfad scheint unklar. Im Austausch mit Akteur:innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft möchte die Sustainability Week Optionen des nachhaltigen Wandels herausarbeiten. 

Bei Interesse finden Sie hier die kostenfreie Anmeldung und weitere Veranstaltungsinformationen.


UN Global Compact | Webinarreihe: Wie können Unternehmen ein Compliance-Programm implementieren? Webinar I – Verpflichten| 22.03.2022 

Integrität und ethisches Handeln sind Werte auf die sich auch Unternehmen gerne stützen und die sie in ihrer Arbeit verankert wissen wollen. Um das zu gewährleisten, sind systematische Ansätze notwendig – wie im Fall der Korruptionsprävention. Dabei hilft ein guter Compliance-Mechanismus, mögliche Korruptionsrisiken zu erkennen und diesen vorzubeugen. Das Webinarangebot des UN Global Compact richtet sich insbesondere an KMUs, die einen solchen Mechanismus implementieren wollen. 

Der erste Part der kostenlosen sechsteiligen Webinarreihe befasst sich mit dem Aspekt Verpflichtung. 

Zum vollständigen Programm und Anmeldeformular gelangen Sie hier. 


Rat für Nachhaltige Entwicklung | REIHE N – Zirkuläres Wirtschaften | 23.03.2022 

Spätestens seit der Annahme des EU Circular Economy Action Plan steht das Thema Kreislaufwirtschaft EU-weit auf der politischen und wirtschaftlichen Agenda. Die Frage der Ausgestaltung liegt nun bei Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft und wird unterstützt durch den Rat für Nachhaltige Entwicklung, der im Dialog die Verankerung zirkulären Denkens fördern möchte. Dabei werden konkrete Konzepte zirkulären Wirtschaftens diskutiert.

Die Anmeldung zur kostenfreien Veranstaltung finden Sie hier.


UN Global Compact | Target Gender Equality Live | 15.03.2022 

Die Last globaler Krisen betrifft verstärkt strukturell benachteiligte und vulnerable Gruppen weltweit – beispielsweise Frauen. Die Gleichstellung der Geschlechter birgt ein unausgeschöpftes Potenzial, Menschen und damit Gesellschaften sowie Unternehmen zu befähigen, besser auf Krisen zu reagieren, sowohl durch höhere Resilienz als auch Kapazitäten zur Anpassung. Das mehrstündige Target Gender Equality Event beleuchtet die Themen Gleichstellung und soziale Aspekte mit internationaler Perspektive und auf unterschiedliche Sektoren bezogen 

Weitere Informationen zur Veranstaltung und die Anmeldung sind hier abrufbar.


KliMaWirtschaft | Einstieg ins Klimamanagement – vom Carbon Footprint zur Klimastrategie | 24.03.2022

Klimaziel, Klimaschutzstrategie, Erfassung von Treibhausgasemissionen – Unternehmen widmen sich zunehmend den komplexen Themen des Klimaschutzes. Was gilt es dabei zu beachten?  Das Webinar des Projektes „KliMaWirtschaft“ zeichnet die Grundlagen eines strategischen Klimamanagements nach, mit Fokus auf den Mittelstand. 

Weitere Informationen sowie die kostenfreie Anmeldung befinden sich hier.


IÖW, future e.V. | Next Generation CSR-Reporting: Sind deutsche Unternehmen gewappnet? | 31.03.2022 

Nicht nur das Vorhandensein, sondern auch die Qualität eines Nachhaltigkeitsberichts im Unternehmen ist entscheidend. Die Anforderungen an die CSR-Berichterstattung steigen stetig und kommende Rahmenwerke wie die EU Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) lassen Berichterstattende aufhorchen. Das IÖW und future e.V. bereiten die kommenden Trends in ihrem Webinar Next Generation CSR-Reporting auf. 

Bei Interesse können Sie sich hier anmelden.


Foto: Kyle Hinkson | Unsplash

Nachhaltige Events im Februar 2022

EU-Taxonomie, Klimarisiken, Geschlechtergleichstellung: Im Februar werden wichtige Themen diskutiert. Wir haben uns einige Veranstaltungen näher angeschaut und eine Auswahl besonders interessanter und vielversprechender Termine für Sie zusammengestellt.

UN Global Compact | Women’s Empowerment Principles 101 – Empowering Women in the Workplace, Marketplace and Community | 03.02.2022

Die Gleichstellung der Geschlechter in Unternehmen zahlt sich aus – denn Geschlechtervielfalt ist wesentlich für den Aufbau einer starken und resilienten Wirtschaft. Zur Umsetzung der Gleichstellungsdimensionen der Agenda 2030 und ihrer 17 SDGs stellen die Women’s Empowerment Principles (WEPs) ein wichtiges Instrument für Unternehmen dar. In dem kostenfreien Webinar wird aufgezeigt, wie die Umsetzung gelingen kann.

Bei Interesse einer Teilnahme erhalten Sie hier weitere Informationen.


Süddeutsche Zeitung | SZ-Nachhaltigkeitsforum | 07.-08.02.2022

„Vom Nebenschauplatz zum Unternehmensziel – Integration von ESG und Nachhaltigkeit als Chance begreifen“ – so lautet der Teaser des diesjährig virtuell stattfindenden SZ-Nachhaltigkeitsforums. Zu Themen wie ESG, EU-Taxonomie und Sustainable Finance werden spannende Case Studies vorgestellt und Diskussionen mit Vertreter:innen aus Industrie, Politik und Wissenschaft geführt. Außerdem stehen verschiedene Vorträge, wie beispielsweise „Nachhaltigkeit als Unternehmensziel – Governance und Reporting als aktuelle Herausforderung und Chance“, auf der Agenda. Die Teilnahmegebühren belaufen sich auf 750 Euro.

Zum vollständigen Programm und Anmeldeformular gelangen Sie hier.


Der Tagesspiegel, DIE ZEIT, Handelsblatt & WirtschaftsWoche | Europe 2022 | 07.-09.02.2022

Auf der digitalen, partizipativen Plattform sind alle teilnehmenden Europäer:innen aufgerufen mitzudiskutieren. Die Themen reichen von der Stärkung der Demokratie, der digitalen Souveränität des Kontinents und einem gemeinsamen europäischen Binnenmarkt bis zum Einhalten der Klimaschutzziele im Jahr nach der UN-Klimakonferenz in Glasgow.

Das vollständige Programm und die kostenlose Anmeldung sind hier abrufbar.


UN Global Compact | Webinar – Wie erstelle ich den Fortschrittsbericht (CoP)? | 16.02.2022

Die Erstellung eines Fortschrittsberichts ist für Unterzeichner des UN Global Compact Teil des Pflichtprogramms. Dieses Webinar erläutert die formalen und inhaltlichen Anforderungen an einen Fortschrittsbericht (CoP) und stellt Umsetzungsbeispiele aus der Unternehmenspraxis vor. Es richtet sich sowohl an beitrittsinteressierte Unternehmen und Organisationen sowie an alle UNGC Unterzeichner. 

Weitere Informationen zum Webinar und die kostenfreie Anmeldung sind hier abrufbar.


UN Global Compact | Webinar Klimamanagement – Umgang mit physischen Klimarisiken im Unternehmenskontext | 24.02.2022

Sowohl der Klimawandel als auch eine wirksame Klimapolitik bergen erhebliche Risiken, deren Auswirkungen es als Unternehmen zu berücksichtigen gilt. Um physische Klimarisiken identifizieren und analysieren zu können, bietet dieses kostenlose Webinar eine allgemeine Einführung in dieses abstrakte Thema. Das Event bedient sich hierbei sowohl theorie- als auch praxisorientierten Expertisen des Umweltbundesamts und der BASF.

Weitere Informationen einsehen und die Anmeldung durchführen können Sie hier.


Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum | Barcamp Nachhaltigkeit & Digitalisierung | 25.02.2022

Eine etwas andere, dafür aber nicht weniger spannende Veranstaltung verbirgt sich hinter dem Barcamp zum Thema Nachhaltigkeit & Digitalisierung. Mit Augenmerk auf den deutschen Mittelstand werden Fragen wie „Was bedeutet der EU Green Deal für KMU und welche Rolle spielt die Digitalisierung?“ oder „Wie fördert die Digitalisierung Prozesse und Produkte der Kreislaufwirtschaft?“ diskutiert. Das Besondere an diesem Event ist, dass die Teilnehmenden das Programm selbst mitgestalten können. Der Fokus liegt auf konkreten Praxisbeispielen, breitem Erfahrungsaustausch und der Entwicklung von kreativen Lösungsideen.

Interesse geweckt? Zur Anmeldung und weiteren Informationen gelangen Sie hier.


Foto: Jonas Jacobsson | Unsplash

ESG-Ratings – Fluch oder Segen?

ESG-Ratings als Maßstab für interne und externe Stakeholder

Mittlerweile sind ESG-Ratings ein fester Bestandteil der Nachhaltigkeitsarbeit in Unternehmen geworden. Große Kapitalmarktunternehmen ohnehin, aber auch familiengeführte Mittelständler haben die Orientierungsfunktion der Ratings für sich entdeckt. Denn diese liefern greifbare Indikatoren, um ihre Leistung bei Themen in Bezug auf Umwelt (Environment), Soziales (Social) oder Unternehmensführung (Governance) zu messen und zu vergleichen. Sie dienen als Kompass, um beispielsweise die eigene Nachhaltigkeitsstrategie und -Governance auszurichten.

Investoren nutzen die den Ratings zugrunde liegenden Daten, um Ertrags- oder Risikohebel im Kontext von Nachhaltigkeit in ihre Allokationsmodelle einfließen zu lassen. So tragen Ratings dazu bei, Kapitalströme in nachhaltige Unternehmen zu lenken oder von „braunen“ Unternehmen abzuziehen. Damit sind sie ein entscheidendes Werkzeug für Sustainable Finance.

Der Markt für nachhaltige Geldanlagen wächst

ESG-Rating-Agenturen sind wegen der besseren Datenverfügbarkeit auf börsennotierte Unternehmen ausgerichtet. Die Leistungsindikatoren, die Rating-Agenturen erfassen und konsolidieren, liefern wichtige Kriterien für die Ausgestaltung der Portfolios – von Retail-Investoren bis hin zu den größten Vermögensverwaltern der Welt. Dabei unterscheiden sich nachhaltige von traditionellen Anlagestrategien – beispielsweise indem erstere risikominimierende Eigenschaften oder Umsatzpotenziale von Nachhaltigkeit einpreisen. Solche Anlagekonzepte sind längst fester Bestandteil des Kapitalmarkts. Ob durch Positiv- oder Negativ-Screening oder die allgemeine Berücksichtigung von ESG-Daten in einer Risikoanalyse: Der Markt für nachhaltige Geldanlagen wächst stark und ist längst keine Nische mehr. Bloomberg schätzt, dass ESG-Anlagen bis 2025 den Wert von 53 Billionen US-Dollar übersteigen und damit ein Drittel der gesamten verwalteten Vermögenswerte („Assets“) ausmachen werden.

Für den Mittelstand relevant

Dabei werden ESG-Ratings nicht nur für börsennotierte Firmen, sondern auch für den privaten Mittelstand immer relevanter. Denn Mittelstandsbanken verwenden ESG-Ratings zunehmend, um die Kreditwürdigkeit ihrer Debitoren zu prüfen und Kredite zu qualifizieren. Zum einen, weil Banken so ihr Image gegenüber Kunden und Investoren pflegen können. Zum anderen sind laut Bain & Company die Kreditrisiken nachhaltiger Unternehmen niedriger – was wiederum zu geringeren Risikokosten führt. Im Ergebnis bieten sie zunehmend Finanzprodukte an, deren Konditionen – positiv, wie negativ – von der ESG-Rating-Performance abhängen. Allein der Markt für sogenannte „ESG-linked Loans“ ist nach Berechnungen von Bloomberg in Europa letztes Jahr um 80 Prozent auf 156 Milliarden Euro gewachsen. Der Vorteil für Unternehmen ist, dass sie durch niedrigere Prozentpunkte bei einer bestimmten Nachhaltigkeitsleistung bares Geld sparen. Und Investoren partizipieren an niedrigeren Risiken und/oder der nachhaltigeren Ausrichtung des finanzierten Unternehmens.

Kein Rating gleicht dem anderen

So sehr Ratings die Orientierung für alle Beteiligten verbessern, ist ein Vergleich oft nur mit Blick auf das jeweilige Rating sinnvoll. Durch unterschiedliche Methoden (vgl. Blog-Beitrag ESG-Ratings im Aufschwung) entstehen zum Teil deutliche Divergenzen. Dafür gibt es drei Gründe: Erstens bewerten Rating-Agenturen die Kriterien unterschiedlich. So wurde zum Beispiel im Rahmen einer MIT-Studie ermittelt, dass Ratingagenturen bereits bei einfachen Informationen wie einer UN Global Compact Mitgliedschaft zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Zweitens divergieren ESG-Ratings, weil Agenturen die verschiedenen ESG-Themen in unterschiedlicher Breite und Tiefe berücksichtigen. Drittens gewichten Rating-Agenturen ESG-Themen unterschiedlich. So stuft eine Rating-Agentur möglicherweise bestimmte Umweltthemen höher als andere ein.

Die Abweichungen ergeben sich u.a. aus der unterschiedlichen Stakeholder-Orientierung der Agenturen und ihren historisch gewachsenen Modellen. Es ist zudem herausfordernd, länderspezifische oder regulatorische Umstände angemessen zu berücksichtigen. Bei einem deutschen Unternehmen wird ggf. die Größe des Aufsichtsrats bemängelt oder dass keine Mitarbeiterbeteiligung möglich ist, obwohl bzw. weil das Unternehmen in Stiftungshand liegt.

Ansätze für ein ESG-Rating-Management

Für Unternehmen ergibt sich damit die Frage, welche Ratings sie für welche Zwecke nutzen möchten.  Welche Ziele sollen mit der Verbesserung erreicht werden? Soll das Nachhaltigkeits-Reporting und das Rating-Ergebnis möglichst effektiv auf eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategie einzahlen? Durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Kunden, haben sich in den letzten Jahren drei verschiedene Ansätze für den Umgang mit ESG-Ratings herausgebildet.

Minimalist

In vielen Fällen können Unternehmen ihre ESG-Rating-Performance bereits mit minimalem Aufwand und kurzfristig steigern. Das gilt insbesondere für solche, die verschiedene Nachhaltigkeitsthemen aktiv vorantreiben. Vorhandene, aber noch nicht veröffentlichte Informationen oder Dokumente werden ergänzend kommuniziert und das Transparenzniveau gezielt gehoben. Dies kann im Rahmen der jährlichen Datenerfassung für den Nachhaltigkeitsbericht erfolgen oder davon losgelöst.

Advanced

Eine fundierte Auswertung der gewählten Ratings erlaubt nicht nur oben genannte „Quick-wins“, sondern auch das Ableiten von notwendigen Maßnahmen, um das Rating darüber hinaus zu verbessern. Kurz- bis langfristige Handlungsempfehlungen werden priorisiert und ggf. im Rahmen des Nachhaltigkeitsmanagements umgesetzt. Hier ist es bereits ratsam, den Dialog mit der ESG-Rating-Agentur zu suchen, um Ratinganforderungen und mögliche Interpretationsfragen besser zu verstehen.

Expert

Größeren Aufwand erfordert eine ESG-Rating-Strategie, die dann allerdings den Anforderungen interner und externer Stakeholder Rechnung trägt und Ratings als Mittel für bestimmte Zwecke begreift. Sie dienen dann der eigenen Positionierung, im Zusammenspiel mit zielgruppengerechten Kommunikationsformaten wie ESG-Reports, -Fact Sheets oder einem Sustainable Finance Framework. Ratings werden für günstigere Re-/Finanzierungsinstrumente sowie als Maßstab der eigenen Nachhaltigkeitsperformance eingesetzt.

Ob als Minimalist oder Expert – viele Unternehmen werden sich intensiver mit dem Potenzial von ESG-Ratings auseinandersetzen: Als Datenquelle für Investoren, um die Unternehmenskommunikation zu stärken oder die Nachhaltigkeitsarbeit im Unternehmen zu steuern.

Ausblick

Als wesentlicher Bestandteil des „European Green Deals“ beginnt in diesem Jahr in Teilen die Berichtspflicht zu Angaben der EU-Taxonomie – und damit gewissermaßen ein weiterer Ratingmechanismus. Er sieht vor, dass Unternehmen u.a. den prozentualen Anteil ihrer nachhaltigen Umsätze offenlegen. So entsteht ein de-facto Rating, durch das Vermögensverwalter ihre Anlagen steuern, Banken Kreditkonditionen bestimmen und Unternehmen finanzielle Accountability gewährleisten können.

Weitere Informationen dazu finden Sie in unserem Blog-Beitrag Taxonomie: Maßstab für Nachhaltigkeit.


Titelbild: Dan Asaki | Unsplash

Nachhaltige Events im Januar 2022

Neues Jahr, neue Bundesregierung, neue Veranstaltungen: Auch im Jahr 2022 versorgen wir Sie wieder mit einer Auswahl interessanter Veranstaltungen rund um Nachhaltigkeit und Wirtschaft.

BMUV-Agrarkongress 2022 | Umwelt und Landwirtschaft im Aufbruch – Die Zukunft jetzt auf den Weg bringen | 18.01.2022

Im neuen Koalitionsvertrag steht es schwarz auf weiß: „Unser Ziel ist eine nachhaltige, zukunftsfähige Landwirtschaft, in der die Bäuerinnen und Bauern ökonomisch tragfähig wirtschaften können und die Umwelt, Tieren und Klima gerecht wird“. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es guter Planung und Umsetzung. Die Pläne der neuen Koalition werden beim diesjährigen Agrarkongress des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz präsentiert und diskutiert. So werden Redner:innen wie Bundesumweltministerin Steffi Lemke und Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir ihre Überlegungen für eine nachhaltige Agrar- und Ernährungswirtschaft vorstellen. Aber auch Vertreter:innen aus Wissenschaft und Wirtschaft bekommen den nötigen Raum, um ihre Empfehlungen und Erfahrungen aus der Praxis zu teilen. Wer darüber mehr erfahren und mitdiskutieren will, kann sich bis zum 17.01.22 anmelden – die Veranstaltung findet online statt und ist kostenlos.

Zum vollständigen Programm und Anmeldeformular gelangen Sie hier.


UN Global Compact | Communication on Progress: 2022 Early Adopter Programme Q&A Session | 19.01.2022

Alle Unternehmen, die am United Nations Global Compact teilnehmen, sind verpflichtet, jährlich über ihren Fortschritt bei der Umsetzung der 10 Prinzipien zu berichten (CoP – Communication on Progress). Zur Stärkung der Transparenz und besseren Messbarkeit der Fortschritte, wird die CoP-Berichterstattung aktuell überarbeitet. Die größte Änderung wird wohl darin bestehen, dass zur Einreichung der Fortschrittsmitteilung die Veröffentlichung eines PDF-Berichtes zukünftig nicht mehr genügt, sondern ein standardisierter Fragebogen auszufüllen ist. Zu diesem Zwecke wird der UN Global Compact im Jahr 2023 eine neue „Communication on Progress Platform” einführen. Um die neue Plattform bereits in diesem Jahr zu testen und sich damit vertraut zu machen, besteht für Unternehmen die Möglichkeit einer Teilnahme am Early Adopter Programm. Sie sind interessiert, möchten Einzelheiten über das Programm, die Vorteile einer Anmeldung und die Teilnahmeberechtigungen erfahren? Dann bietet die kostenfreie und online stattfindende Q&A Session den passenden Rahmen für all Ihre Fragen.

Weitere Informationen und den Link zur Anmeldung gibt es hier.


econsense | Sustainability Year 2022 – Kompaktes Update für Unternehmen | 20.01.2022

Nachdem das vergangene Jahr von vielen regulatorischen Entwicklungen (Stichwort Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, Corporate Sustainability Reporting Directive) gezeichnet wurde, scheint es ein guter Vorsatz zu sein, sich bereits Anfang des neuen Jahres mit den bevorstehenden politischen Vorhaben, Terminen und Entwicklungen auseinanderzusetzen. Das Event von econsense, dem Nachhaltigkeitsnetzwerk der deutschen Wirtschaft, informiert über die wesentlichen Herausforderungen, die den Nachhaltigkeitsbereich im Jahr 2022 beschäftigen werden. Der Fokus liegt hierbei stets auf der praktischen Umsetzung von Nachhaltigkeit in Unternehmen. Die Veranstaltung findet online statt und ist kostenlos.

Weitere Informationen und das Anmeldeformular finden Sie hier.


Bundesverband BioEnergie e.V.| 19. Internationaler Fachkongress für erneuerbare Mobilität „Kraftstoffe der Zukunft“ | 24.01.-28.01.2022

Der Internationale Fachkongress „Kraftstoffe der Zukunft“, organisiert vom Bundesverband BioEnergie e.V. (BBE), stellt als Leitveranstaltung der europäischen Biokraftstoffbranche ein wichtiges Diskussionsforum für die deutsche, europäische und internationale Entwicklung erneuerbarer Mobilität dar. Gemäß dem Motto „Kraftstoffe der Zukunft 2022 – Navigator für nachhaltige Mobilität“ begrüßt der Internationale Fachkongress nationale und internationale Teilnehmer:innen aus Industrie, Politik, Wissenschaft und Forschung. Das Ziel des Fachkongresses besteht darin, die Teilnehmer:innen über den aktuellen Sachstand der vielfältigen Gesetzesinitiativen aufzuklären, entsprechende Handlungsempfehlungen zu diskutieren, aktuelle Marktentwicklungen und Projektbeispiele vorzustellen sowie Raum für Erfahrungsaustausch zu bieten. Die Anmeldegebühren starten ab 70 Euro.

Das vollständige Programm und der Link zur Anmeldung sind hier abrufbar.


Rat für Nachhaltige Entwicklung | Klimaneutralität: Was jetzt zu tun ist | 02.02.2022

Um das Klima zu stabilisieren und die Erde als bewohnbaren Planeten zu erhalten, muss bis spätestens im Jahr 2050 globale Klimaneutralität erreicht werden. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) hat im letzten Sommer gemeinsam mit der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina ein Positionspapier veröffentlicht, das konkrete Handlungsoptionen darlegt, um die formulierten Klimaziele zu erreichen. Nun sollen in der RNE-Veranstaltungsreihe „Reihe N – der Nachhaltigkeitsdialog“ diese Handlungsoptionen mit Vertreter:innen der neuen Regierungskoalition, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft diskutiert und die nächsten Umsetzungsschritte für effektiven Klimaschutz erörtert werden. Die Veranstaltung ist digital und kostenlos.

Weitere Informationen und das Anmeldeformular gibt es hier.


Foto: Yana Petkova | Unsplash

Lektüre für die Feiertage

Wir wünschen viel Freude beim Lesen!


Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt von Alois Prinz

Nicht von ungefähr trägt unsere diesjährige Weihnachtskarte ein Zitat der Philosophin Hannah Arendt. Ihr überaus frischer und kritischer Geist ist legendär. Ihre Werke und ihr Wirken erleben gerade eine Art Renaissance. Gut so. Um sich dieser faszinierenden, unbedingt der Vernunft verpflichteten Frau und ihrer Gedankenwelt zu nähern, empfehlen wir die Biografie Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt von Alois Prinz – vortrefflich recherchiert und geschrieben. Wer dann mehr Lust hat auf die große Denkerin, lese das einzeln erschienene Essay Die Freiheit, frei zu sein, in dem sie der Frage nachgeht, was Freiheit ist und was sie uns bedeutet? Aktueller denn je!


Wo der Wolf lauert von Ayelet Gundar-Goshen

Einen überaus spannenden Roman über Vorurteile, Irrungen und Wirkungen bietet Ayelet Gundar-Goshen mit Wo der Wolf lauert. Er trifft mitten ins Zentrum gegenwärtiger gesellschaftlicher Debatten um strukturellen Rassismus, ist fein konzipiert, gut zu lesen und wirkt lange nach.


Das Geburtstagsfest von Judith Taschler

In die Geschichte Kambodschas führt Das Geburtstagsfest von Judith Taschler, ein fast schon als Krimi anmutender Roman, der mit einer peu à peu aufgerollten Familientragödie das Regime der Roten Khmer lebendig macht.


Wo auch immer ihr seid von Khuê Pham

Interessant ist auch das literarische Debüt Wo auch immer ihr seid der mehrfach ausgezeichneten ZEIT-Journalistin Khuê Pham, die anhand einer Erzählung über drei Generationen hinweg den Vietnamkrieg beleuchtet, westliche Perspektiven darauf hinterfragt und das große Thema Heimat und Identität behandelt.


Crossroads von Jonathan Franzen

Und dann ist da noch Crossroads, der neue Roman von Jonathan Franzen. Wir sind große Fans von ihm, aber ja, der Roman hat Längen. Wer ein paar Tage Zeit zum Lesen hat, lasse sich dennoch getrost darauf ein. Es ist ein großer und brillant formulierter Roman, der in einem Zug gelesen werden kann. Er verhandelt Fragen des Glaubens, des Gewissens, der Beziehungen … Kritiken sprachen von einem „Sittenbild der Aufbruchsstimmung“, von „Gefühlspanorama“, von einem „bürgerlichen Selbstbefragungs- und Selbstvergewisserungsepos“ … Anyway. Das Buch ist definitiv ein Gewinn – und der erste Band einer Trilogie, auf deren weitere Teile man sich freuen kann.


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