Diversity in Unternehmen: Echtes Engagement oder nur Marketing?

Viel kommuniziert, in der Realität aber nur bedingt gelebt: So steht es vielerorts um Diversity in Unternehmen. Das Schlagwort Diversity hat längst Einzug in Kampagnen großer Marken gefunden. Doch was steckt dahinter? Was bedeutet Diversity in Unternehmen eigentlich, und was können Unternehmen tun?

Mit dem demografischen Wandel der letzten Jahrzehnte ist auch ein gesellschaftlicher Wandel in Deutschland eingetreten. Die Bevölkerung wird nicht nur älter. Globalisierungs- und Migrationsprozesse, politische Einflussnahme und die verstärkte Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen führen dazu, dass die deutsche Gesellschaft nicht nur bunter, sondern auch sensibler für Minderheitenthemen geworden ist. Die jüngeren Generationen wachsen heute mit einem tiefen Verständnis für Diversität auf, sind vielfach selbst Vertreter:innen marginalisierter Gruppen und erwarten von Politik und Wirtschaft, diese auch zu berücksichtigen. Vielen Marken ist die wachsende Attraktivität des Themas Diversity bewusst geworden und verknüpfen es mit Werbe- oder Imagekampagnen. „Diversity“ ist dank moderner Popkultur „in“ geworden.

Diversity-Washing vermeiden

Sichtbarkeit für Diversität zu schaffen, ist ein begrüßenswerter Ansatz, Solidarität mit Minderheiten zu zeigen, ebenfalls. Aber: Diversity ist mehr als vielfältige Menschen in Werbung abzubilden, die Regenbogenflagge zum Pride-Month zu zeigen oder einen solidarischen Social-Media-Post zu veröffentlichen. Echte Anerkennung menschlicher Vielfalt bedeutet auch, Unternehmensstrukturen neu zu denken, Belegschaften heterogen zu besetzen und politisch zu sensibilisieren. Stehen Unternehmen im Verdacht, sich Diversity-Themen lediglich zur Verbesserung ihres Images oder zu Werbezwecken anzueignen, ohne dass es dafür eine glaubwürdige Grundlage gibt, wird – analog zum Greenwashing – die Kritik an „Diversity-Washing“, „Social Washing“, „Rainbow-Washing“ oder „Pink-Washing“ laut.

Diversity heißt nicht nur mehr Frauen

Diversity wird meist mit dem Begriff der „Vielfalt“ übersetzt. Für viele bedeutet Vielfalt immer noch „nur“ mehr Frauen in Führungspositionen. Doch es geht um mehr. Die Charta der Vielfalt thematisiert sieben Dimensionen von Vielfalt, die uns und unsere Identität prägen: Alter, soziale Herkunft, sexuelle Orientierung, Religion und Weltanschauung, körperliche und geistige Fähigkeiten, Geschlecht und geschlechtliche Identität sowie ethnische Herkunft und Nationalität. Diversity ist ein organisatorisches und gesellschaftliches Konzept, das einen wertschätzenden, bewussten und respektvollen Umgang mit Verschiedenheit und Individualität herausstellt. Es geht darum, die vielfältigen Leistungen und Erfahrungen von Menschen unterschiedlicher Hintergründe zu erkennen und ihr Potenzial – etwa zur kreativen Problemlösung – zu nutzen.

Gesetzlich verankert

Vielfalt kann helfen, den Fachkräftemangel auszugleichen. Interkulturelle Teams bringen bessere Lösungen. Altersgemischte Teams sind produktiver. Es gibt viele gute Gründe, warum sich Unternehmen ernsthaft mit dem Thema Diversity auseinandersetzen sollten, nicht zuletzt, da das Recht auf Diskriminierungsfreiheit ein Menschenrecht ist, das sowohl in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte als auch in der europäischen Menschenrechtskonvention und dem deutschen Grundgesetz festgeschrieben ist. Auf nationaler Ebene gibt es weitere Regulierungen, wie z. B. das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), die Frauenquote und das Entgelttransparenzgesetz. Diese zielen darauf ab, Benachteiligungen aus Gründen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu bes

eitigen. Die Gesetze sind ein wichtiger Anreiz, damit Unternehmen sich mit dem Thema Diversity auseinandersetzen. Allerdings sollte das schlichte Einhalten von Gesetzen kein Schmuck für ambitionierte Unternehmen sein. Auf dem Papier mag das Personal zwar vielfältiger sein, ein echter kultureller Wandel bleibt aber oft aus. Setzen Unternehmen lediglich Anforderungen um, ohne einen kulturellen Wandel, besteht die Gefahr, dass die Belegschaft zwar diverser wird, aber dennoch keine richtige Auseinandersetzung mit Chancen und Risiken stattfindet.

Was Unternehmen tun können

Damit Diversity in Unternehmen nicht nur eine leere Worthülse bleibt, sondern fest verankert und wirklich gelebt wird, braucht es ein internes Diversity Management. Ein gutes Diversity Management kann durch die Integration vielfältiger Perspektiven ein Umfeld schaffen, in dem jeder Mensch das eigene Potenzial entfalten und produktiv einbringen kann. Dazu gehören Maßnahmen wie eine Diversity-orientierte Gestaltung der Personalpolitik, das Schaffen entsprechender Stellen im Unternehmen, das Durchführen von Diversity-Trainings, das Anbieten von Mentoringprogrammen und das Aufsetzen interner Netzwerkgruppen. Zudem gibt es viele Initiativen, wie die Charta der Vielfalt, bei denen sich Unternehmen engagieren und beraten lassen können. Auch interne und externe Kommunikation ist essenziell, um Personen zu sensibilisieren und die Thematik nachhaltig im Bewusstsein zu verankern. Aber wie bei der Nachhaltigkeitskommunikation gilt auch beim Thema Diversity, keine Haltung ohne Handlung. Um eine wirkliche Veränderung beim Thema Diversity zu erzielen, ist – ähnlich wie bei anderen Nachhaltigkeitsthemen – Zeit, Geld und Engagement gefordert. Erst dann bewegt sich was.


Foto: Markus Spiske | Unsplash

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