Europa als Standardsetzerin

Die EU prüft, ob sie einen eigenen Berichtsstandard setzen will. Erste Vorüberlegungen sind nun veröffentlicht worden.

  • Bericht zu möglichen europäischen Berichtsstandards zeigt Architektur auf theoretischer Ebene
  • Weiter Stakeholder-Begriff berücksichtigt sowohl Anforderungen von Finanzmarkt als auch der Gesellschaft
  • Vorschlag zur Umgestaltung der EFRAG zu einem autonomen Standardsetzer als separater Bericht
Vorbild Europäische Union

Die EU begreift sich als Vorreiter beim Setzen von Nachhaltigkeitsnormen – und die Ergebnisse der letzten Jahre geben ihr da durchaus recht. So überrascht es auch nicht, dass sie die angeforderten Nachhaltigkeitsdaten vergleichbarer gestalten will, um die Finanzströme zur Erreichung von Klimaschutzzielen lenken zu können. Die European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) hat nun ihren Bericht zur Entwicklung europäischer Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung veröffentlicht. Deren Umsetzbarkeit hat sie im Auftrag der Europäischen Kommission mit Blick auf die kommende verschärfende Aktualisierung der EU-Richtlinie zur nichtfinanziellen Berichterstattung geprüft.

Berichten für das Gemeinwohl

Der Bericht „Proposals for a relevant and dynamic EU sustainability reporting standard-setting“ umfasst 54 Empfehlungen, unter anderem zu einem stufenförmigen Reporting-Modell mit branchenunabhängigen, branchenspezifischen und organisationsspezifischen Indikatorensets. Die von der EFRAG entworfene Architektur ist als „Wie sollte es aussehen wenn“-Modell noch auf einer hochtheoretischen Ebene abgefasst: Es geht über ein reines Benchmarking von Unternehmensdaten hinaus und befasst sich mit den grundlegenden Prinzipien, die ein solches Modell erfüllen sollte. Dabei geht es ihr nicht nur um Finanzdaten, obwohl der Bericht auch auf die spezifischen Anforderungen der Finanzinstitute eingeht. Tonangebend ist auch das Gemeinwohl. Das zeigen die konzeptuelle Richtlinie „Public good“ und der übergeordnete Grundsatz „inclusive range of stakeholders“. Bei letzterem wird die Natur explizit als eigener Stakeholder aufgeführt.

 

Purpose of Sustainability Reporting, EFRAG ESS
Quelle: EFRAG; Final Report: Proposal for a relevant and dynamic EU sustainability reporting standard setting, 2021, S. 17

 

Zwei Seiten der Medaille

Die EFRAG betont den Willen auf bestehenden Initiativen mit gleichen Zielen aufzubauen und beschwört den europäischen Geist der Kooperation. Über die Investoren-Perspektive eines von der IFRS vorgeschlagenen Sustainability Standards Boards (SSB) hinausgehend ist ihre Konzeption der Versuch, die Ausrichtungen der bestehenden internationalen Rahmenwerke zu vereinen: Die Stakeholder-Perspektive der GRI mit ihrem Blick auf externe Effekte wird mit der finanziellen Risiko-Perspektive von SASB und TCFD zusammengeführt. Das schreibt sie auch im Prinzip der doppelten Materialität fest: Zu betrachten sind sowohl die finanziellen Auswirkungen für das Unternehmen als auch jene seines Handelns auf Umwelt und Gesellschaft. So könnte ein umfassendes Bild des unternehmerischen Wirkens nach außen entstehen. Zudem könnten die nun erfassten Informationen aber auch unternehmensintern zum datengestützten Management der Nachhaltigkeits-Performance genutzt werden und den Hebel für Verbesserungen darstellen.

Partizipativere Strukturen

Folgerichtig schlägt darum ein zweiter Bericht eine neue, eigenständige Säule in der EFRAG-Governance-Struktur vor, die sich um den nichtfinanziellen Bereich kümmert und mit der klassischen Rechnungslegung zusammenarbeitet. Für eine ausgewogene Vertretung der Stakeholder soll die EFRAG-Generalversammlung um zwei neue Gruppen erweitert werden: Zusätzlich zu den bisherigen Accounting-Organisationen und Nationalen Standardsetzern sollen relevante europäische Institutionen und Behörden sowie die Zivilgesellschaft in Form von NGOs und Universitäten vertreten sein. Um sicherzustellen, dass zukünftige EU-Standards für das Nachhaltigkeitsreporting in einem inklusiven und stringenten Prozess entwickelt werden, soll ein eigenes Board geformt werden, das, gestützt von einer technischen Expertengruppe und in Kollaboration mit anderen internationalen Standardsetzern und Initiativen, die Entwicklung steuert.

Ob die Standards kommen, und wenn ja, in welcher Form, ist noch offen. Es könnte nach dem Fahrplan der EFRAG aber recht schnell gehen: Die noch zu entwickelnden Reportingstandards könnten erstmals auf Berichte für das Geschäftsjahr 2023 anzuwenden sein, wenn die EU-Kommission sich für eine verpflichtende Einführung entscheidet.

 

Titelbild: Dose Juice / Unsplash

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