Geo-Engineering: Klempnerei, Exit-Strategie oder Risiko?

Technologie als Lösung für den menschgemachten Klimawandel? – Eine Einschätzung.

Die heißen Temperaturen der letzten Wochen führen uns vor Augen, welche gravierenden Auswirkungen der Klimawandel auf uns und unsere Umwelt haben kann. Die Zeit drängt, gezielte und ganzheitliche Maßnahmen sind gefragt. Als mögliche Exit-Strategie stellt die Wissenschaft auch Geo-Engineering, also gezielte großskalige technische Eingriffe in unser Klimasystem, zur Debatte. Ist das die Lösung? Was ist in einer Welt mit kontinuierlich steigenden Temperaturen riskanter – die Durchführung von Geo-Engineering oder das Unterlassen dieser?

Technologie als Lösung für den menschgemachten Klimawandel?

Zwei grundsätzliche Ansätze lassen sich im Geo-Engineering unterscheiden:

Carbon Dioxide Removal (CDR) setzt an der Ursache des Klimawandels an und zielt darauf ab, die CO2-Konzentration in der Atmosphäre zu senken. Die Technologien sind größtenteils noch in einem frühen Forschungsstadium. Teilweise wurden Prototypen entwickelt oder kleinere Feldversuche durchgeführt. Methoden reichen von der unterirdischen Speicherung von CO2 bis hin zu großflächigen Aufforstungsmaßnahmen.

Solar Radiation Management (SRM) setzt in Abgrenzung dazu lediglich bei den Symptomen des Klimawandels an. Es zielt darauf ab, der Erwärmung der Atmosphäre entgegenzuwirken und das Klima zu regulieren. Um die Strahlungsbilanz zu senken könnten beispielsweise reflektierende Aerosolpartikel in die Stratosphäre eingebracht werden. Mit dem sogenannten Marine Cloud Brightening könnten niedrigliegende Wolken über den Ozeanen durch eine künstliche Anreicherung aufgehellt werden, so dass sie das Sonnenlicht stärker reflektieren. Die Forschung konzentrierte sich bisher vor allem auf computergestützte Modell- und Laborversuche, Tests unter Realbedingungen waren bisher kaum möglich.

Darstellung der aktuell diskutierten Geo-Engineering-Maßnahmen des IASS Potsdam

Geo-Engineering ist von den einen als Hype verschrien, von den andern als einzige verbliebene, realistische Möglichkeit zur Eindämmung des Klimawandels betrachtet und von weiteren als unkalkulierbares Risiko gesehen. Ein tieferer Blick zeigt: So einfach ist eine klare Urteilsbildung nicht. Denn im Geo-Engineering diskutieren wir Maßnahmen, die einen globalen Effekt haben könnten, der über mehrere Generationen hinaus wirkt: Setzen wir die Maßnahmen ein, können wir im positivsten Fall den Klimawandel begrenzen, im negativsten Fall bringen sie unser Klimasystem noch stärker aus dem Gleichgewicht. Setzen wir sie nicht ein, müssen andere Maßnahmen her, um dem Klimawandel entgegenzuwirken, schaffen wir das nicht, werden die Folgen für uns und die Natur entsprechend stark ausfallen.

Eine vielschichtige Debatte

Argumente auf der Seite der Befürworter des Geo-Engineerings lassen oftmals eine pragmatische Sichtweise vermuten. Der Klimawandel sei durch herkömmliche Emissionskontrolle nicht mehr aufzuhalten. Die Pariser Klimaziele gelten als nicht erreichbar, beziehungsweise bereits verfehlt. Folglich wird das Geo-Engineering als denkbare Exit-Strategie aufgeführt. Wissenschaftlicher Konsens besteht jedoch insofern, dass Geo-Engineering nicht als Ersatz für die bereits bestehenden Anpassungs- und Verminderungsstrategien des Klimawandels gehandelt werden können oder sollten.

Kritiker stellen die Risiken und Unabsehbarkeiten in den Vordergrund: Der Stand der Forschung sei zu gering, die Auswirkungen könnten nicht kontrollierbar und insbesondere nicht mehr umkehrbar sein. Zusätzlich befürchten sie, dass mögliche unterschiedliche Auswirkungen in verschiedenen Regionen Verteilungseffekte zur Folge hätten, die gesellschaftliche und geopolitische Konflikte nach sich ziehen könnten.

Blickt man tiefer in das Debattenfeld und damit hinter die grundsätzliche Entscheidung zum Für und Wider, kommen weitere Dimensionen zum Vorschein, wie etwa Governance. Denn: Die einzelnen Maßnahmen könnten theoretisch von einzelnen Staaten oder einem Zusammenschluss weniger Staaten durchgeführt werden – beabsichtigte aber auch nicht intendierte Folgen hätte jedoch die gesamte Weltgemeinschaft zu tragen. Entsprechende Verhaltensregeln im Umgang mit Geo-Engineering sind nötig. Diese könnten auch sicherstellen, dass Forschung transparent und unter bestimmten Voraussetzungen durchgeführt und finanziert wird. Aktuell erfolgt die Finanzierung maßgeblich durch die Privatwirtschaft, die Forschung ist damit der Gefahr einseitiger Beeinflussung ausgesetzt.

Kein Ja, kein Nein: Bitte weiterdiskutieren!

Die Initiative C2G2 (Carnegie Climate Geoengineering Governance Initiative) des Carnegie Council for Ethics in International Affairs setzt hier an. Sie will eine breite, gesellschaftsweite Debatte über Risiken, potentiellen Nutzen und insbesondere potentielle Governance-Strukturen fördern, die über die wissenschaftliche Forschungsdiskussion hinausgeht. Denn potentielle Risiken und globale Auswirkungen des Geo-Engineerings sind zu groß, um sie rein aus technischer Perspektive zu betrachten.

Und auch die Zeit drängt: Aktuell verschläft die Staatengemeinschaft den Handlungsspielraum, den wir noch zur Umsetzung der Klimaziele haben. Deutlich macht das beispielsweise der Climate Action Tracker, der die Maßnahmen der EU-Staaten als „insufficient“ und nicht mit dem Pariser 1,5 Grad Ziel kompatibel bewertet. Angesichts dieser Tatsachen müssen wir die bestehenden Maßnahmen zur CO2-Reduktion weiter vorantreiben. Sich ausschließlich auf Geo-Engineering zu setzen wäre fatal. Dennoch sollten wir kritisch bewerten, ob Geo-Engineering als ein potentieller Hebel zur Eingrenzung des Klimawandels ganz aus der Diskussion genommen werden kann, und eine breite gesellschaftliche Debatte darüber führen.

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