Mittelstand: Nachhaltigkeit in der DNA genügt nicht mehr

Kein anderes europäisches Land hat so viele mittelständische Unternehmen wie Deutschland. Das ist ein großes Plus, weil sie innovativ, flexibel und kundenorientiert sind. Viele betonen nun, dass sie Nachhaltigkeit in ihrer DNA haben. Doch reicht das für den Wandel?

Der deutsche Mittelstand spricht zurecht davon, langfristiges Denken und unternehmerische Verantwortung in seiner DNA verankert zu haben. Schließlich will man das Unternehmen an Kinder und Enkel weitergeben. Mit Nachhaltigkeit, wie sie in den globalen Nachhaltig­keitszielen der Vereinten Nationen oder im Green Deal der Europäischen Union definiert ist, hat das aber oft nicht viel zu tun. Dort steht Nachhaltigkeit für Transparenz und Transformation. Ersteres aber ist im Mittelstand naturgemäß keine Kernkompetenz, weil man sich traditionell eher ungern in die Karten schauen lässt. Zweiteres hängt meist davon ab, wie visionär die Inhaber sind oder wie viel Freiheit sie einem vorausschauenden Management lassen. Und da gibt es ebenso großartige Beispiele für das frühe Umsteuern wie auch für das Verschlafen gesellschaftlicher Trends.

Studie „Nachhaltigkeit im Mittelstand“

Für die HypoVereinsbank haben wir in einer Studie Nachhaltigkeit im Mittelstand ergründet, wie die Breite der deutschen Wirtschaft mit der Herausforderung nachhaltigen Wirtschaftens umgeht. Dazu konzentrierten wir uns auf sechs Branchen: Bau- und Holzverarbeitung, Chemie, Pharma und Gesundheit, Elektronik und IT, Konsumgüter, Lebensmittel und Getränke sowie Maschinenbau. Wir haben viele Interviews geführt – mit Branchenexpert:innen ebenso wie mit Eigentümer:innen und Geschäftsführer:innen. Fazit: Die Stimme derer, die Nachhaltigkeit als Modetrend abtun, ist leiser geworden. Denn fast alle erleben wachsende Anforderungen von Kunden, vor allem von Großkunden, die Vorgaben der Regulatorik und der Investoren in ihrer Lieferkette weitergeben.

Steigende Nachhaltigkeitsmotivation

Zugleich ist die Motivation, mit Nachhaltigkeit umzugehen, deutlich gestiegen, was teilweise auch am Generationenwechsel liegt. Das Thema hat definitiv eine neue Dringlichkeit gewonnen. Schließlich kommt auf viele Unternehmen mit den Klimazielen der EU und deren Konsequenzen eine teils radikale Veränderung zu. Da geht es nicht um eine etwas klimafreundlichere Produktion, sondern womöglich um eine komplette Umstellung des Geschäftsmodells.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Ob das aber schon alle Mittelständler richtig verstanden haben, ist fraglich. Bei der Umfrage des Instituts für Mittelstandsforschung im Sommer 2020 sprachen sich zwar 63 Prozent dafür aus, künftig „nachhaltige“ Geschäftsmodelle entwickeln zu wollen, aber nur 47 Prozent wollen Klimaschutz in ihrem Handeln verstärkt berücksichtigen. Dabei ist das eine ohne das andere nicht zu haben. Das Gap von immerhin 16 Prozent zeigt, dass es immer noch Unternehmen gibt, denen die Konsequenz der strikten Rahmensetzung und des gesellschaftlichen Wandels nicht bewusst ist.

Höherer Reifegrad durch Druck

Aus den vielen Interviews für die Studie „Nachhaltigkeit im Mittelstand“ konnten wir branchenübergreifend ein paar interessante Punkte herausdestillieren:

  1. Umfassendes Nachhaltigkeitsverständnis besteht selten

Nachhaltigkeit heißt für die meisten Unternehmen Umwelt­schutz und vielleicht noch Arbeitssicherheit. Themen wie verantwortungsbewusste Lieferkette oder Vielfalt und Chancen­gleichheit sind erst selten auf dem Schirm der Entscheider.

  1. Externe Anforderungen führen zu einem höheren Reifegrad

Wo aus Gründen externer Anforderungen wie Regulatorik oder von B2B-Kunden eine Stelle für Nachhaltigkeit eingerichtet wurde, geht man das Thema systematischer und gründlicher an als bei den „intrinsisch“ motivierten Unternehmen.

  1. Attraktivität für den Nachwuchs ist der größte Nutzen

Man will mit seinen Nachhaltigkeitsaktivitäten vor allem für Nachwuchs und Mitarbeiter attraktiv sein. Das Thema Employer Branding hat für den Mittelstand angesichts des Fachkräfte­mangels eine zunehmende Bedeutung

  1. Dass Nachhaltigkeit nichts kosten darf, ist ein Vorurteil

Je stärker die Unternehmensführung von Nachhaltigkeit überzeugt ist, desto mehr traut man sich zu, die Kunden mit guten Argumenten für einen höheren Preis zu gewinnen – und schafft es auch (manchmal). Wer aber skeptisch ist, versucht es gar nicht erst.

Die Rolle der Banken

Die Finanzinstitute spielen als Intermediäre eine zentrale Rolle für mehr Nachhaltigkeit, insbesondere in der mittelständischen nicht kapitalmarktorientierten Wirtschaft. Denn die EU hat ihnen sozusagen die Funktion eines Schleusenwärters aufgegeben: Sie sollen künftig dafür sorgen, dass mehr Geld in nachhaltige Projekte fließt. Was das für die Unternehmensfinanzierung bedeutet, welche Chancen und welche Risiken sich hier auftun, müssen sie ihren Kunden nun klarmachen.

Die HypoVereinsbank beispielsweise hat dafür weit über 200 Mitarbeitende zu Sustainable Finance Experts ausbilden lassen. Ihnen hat sie mit der Studie „Nachhaltigkeit im Mittelstand“ einen Einblick sowohl in die Herausforderungen der Branchen wie auch in die Nachhaltigkeitsmotivation der mittelständischen Unternehmen an die Hand gegeben.


Mehr Informationen:

Nachhaltigkeit & Unternehmensfinanzierung
Nachhaltigkeit im Mittelstand

Hier haben wir die vollständige Studie für Sie als PDF zur Verfügung gestellt.


Bild: mahdis mousavi | Unsplash

Other News

Lesen Sie auch