DGNB, BREEAM oder LEED?

Der Markt für Bewertungssysteme von nachhaltigen Gebäuden boomt. Projektträger stehen vor einer großen Auswahl.

  • Seit der Jahrtausendwende steigt weltweit die Zahl der Bewertungssysteme für nachhaltiges Bauen.
  • Über 100 national organisierte Green bzw. Sustainable Building Councils entwickeln und fördern unter anderem Bewertungssysteme für eine nachhaltige Bau- und Immobilienwirtschaft.
  • Einzelne Bewertungssysteme unterscheiden sich grundlegend im Fokus, in ihren Bewertungskategorien und der Gewichtung dieser.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Menschheit nicht daran erinnert wird, wie wenig Zeit verbleibt, das Klima-Ruder herumzureißen. Um genauer zu sein, verbleiben Stand 2019 nur noch 26 Jahre bis das Budget an Treibhausgasen verbraucht ist. Und selbst dann wäre nur ein 2°-Szenario einzuhalten, das bereits katastrophale Veränderungen für die Menschheit mit sich brächte.

Der Bau- und Immobiliensektor als Nadelöhr

Ganze 19% der weltweiten Treibhausgasemissionen gehen auf die Nutzung von Energie in Gebäuden zurück. In Deutschland haben diese laut Umweltbundesamt sogar einen bedeutenden Anteil von 30%. Der deutsche Markt bricht zugleich Jahr um Jahr Rekordwerte für Baugenehmigungen. Insbesondere die Metropolregionen des Landes erfahren eine voranschreitende Urbanisierung.

Weiterhin umfasst der Bau- und Immobiliensektor viele verschiedene Akteure und somit auch Interessen: Architekten, Bauunternehmer, Ingenieure, Investoren, Projektentwickler, Baustoffhersteller und letztlich den Endnutzer. Am Ende ist der Bau von Gebäuden vielen Regulierungen, Standards sowie rechtlichen Anforderungen unterworfen. Es ist dementsprechend eine Mammutaufgabe, Emissionen schnellstmöglich zu senken.

Den Markt weiterentwickeln

Neue Standards zu setzen, immer wieder über das gesetzlich Vorgeschriebene hinauszugehen, Gebäude allumfassend zu betrachten und die mit ihnen verbundenen hohen Emissionen zu senken, ist ein wesentliches Ziel vieler Bewertungssysteme.

Nachhaltigkeitszertifikate bzw. -siegel sind seit vielen Jahren über Wirtschaftssektoren hinweg ein vielseitig genutztes Mittel, um – dem lateinischen Ursprung des Wortes entsprechend – die Einhaltung von Nachhaltigkeitskriterien zu beglaubigen. Die Bewertungssysteme betrachten die Auswirkungen eines Produkts meist ganzheitlich von ersten Planungen bis hin zur Fertigstellung, weisen jedoch im Detail große Unterschiede auf.

Federführend für die weltweite Entwicklung und Verbreitung von Bewertungssystemen für Gebäude sind inzwischen über 100 national organisierte, transnational zusammenarbeitende Green bzw. Sustainable Building Councils. Als Nichtregierungs- und Mitgliedsorganisationen gegründet, verfolgen sie das Ziel, holistische Bewertungssystemen für die Bau- und Immobilienwirtschaft zu etablieren.

Das Detail ist entscheidend

Angepasst an klimatische und geographische Begebenheiten, entwickelten sich vielschichtige Anforderungen an Gebäude.

Die wohl bekanntesten Zertifizierungssysteme LEED (USA), BREEAM (UK), DGNB (Deutschland) und HQE (Frankreich) werden über Ländergrenzen hinweg genutzt. Auch in Japan (CASBEE) oder Australien (Green Star) gibt es eigene Systeme. Die verschiedenen Bewertungssysteme bauen dabei zum Teil aufeinander auf, werden fortgeführt, oder den lokalen Gegebenheiten angepasst.

Die Bewertungssysteme arbeiten dabei – aus zuvor genannten Gründen – nicht einheitlich. Indikatoren fließen zu wesentlich unterschiedlichen Anteilen in eine Gesamtbewertung ein und müssen im Detail betrachtet werden. Grundlegend unterscheiden sich

  • Herangehensweisen,
  • methodische und datentechnische Grundlagen sowie
  • angewandte Kriterien und Indikatoren.

Dementsprechend müssen Zertifizierungen und Ihre Bewertungssysteme von Beginn an mitgedacht werden. Die Ziele, welche mit dem neuen Gebäude erreicht werden sollen, bedingen die richtige Zertifikatsauswahl. Dabei kann es um Gesundheit, Integration in die Umwelt, Autarkie und weitere Punkte gehen. Die richtige Wahl zu treffen, wird so zu einer Grundsatzentscheidung für ein gesamtes Projekt.

Helfen uns Bewertungssysteme?

2017 waren es noch weniger als 1000 zertifizierte Gebäude in ganz Deutschland. Verschwindend gering bei einem Bestand von rund 19 Millionen Gebäuden (Stand 2011) mit Wohnraum. Zum einen sind die Bewertungssysteme noch recht jung am deutschen Markt. Zum anderen werden die Mehrwerte oft erst nach einiger Zeit „sichtbar“. Ein schwieriger Spagat in einem zurzeit hitzigen Immobilienmarkt.

Es ist am Ende jedoch kaum von der Hand zu weisen, dass sich immer wieder verbessernde Bewertungssysteme Faktoren sind, die die Bau- und Immobilienwirtschaft im Sinne des 2°-Ziels mit neuen Ideen voranbringen. Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich Bewertungssysteme weiterentwickeln und ob sie vermehrt genutzt werden. Wer sich einem Siegel gegenüber sieht, sollte auf jeden Fall die Lupe in die Hand nehmen und die Details beleuchten.

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